Carnap an Neurath, Prag, 18. Juli 1932 Rudolf Carnap an Otto Neurath, 18. Juli 1932 Juli 1932

Lieber Neurath‚

nun komm ich doch nicht mehr nach Wien. Am 21. werden wir abreisen. Adresse steht noch nicht fest. Ich werde mit InaPCarnap, Ina (eig. Elisabeth Maria immacul[ata] Ignatia), 1904–1964, geb. Stöger, heiratete 1933 Rudolf Carnap und HempelPHempel, Carl Gustav, 1905–1997, dt.-am. Philosoph, verh. mit Eva Hempel einen Ort suchen. FeiglsPFeigl, Herbert, 1902–1988, öst.-am. Philosoph, seit 1931 verh. mit Maria FeiglPFeigl, Maria, 1904–1989, geb. Kasper, auch Kasperle, verh. mit Herbert Feigl kommen dann am 1. Aug. nach. Von Feigl kannst Du in einigen Tagen unsre Adresse erfahren; Briefe erreichen mich aber auch immer über Prag.

Berlin war erfreulich. Der öffentliche VortragB1932@ gut besucht; die Berliner Ge"-sellschaftIGesellschaft für wiss. Philosophie, Berlin ist nicht so schlimm, wie Ihr sie immer macht; sie veranstalten ganz gute Vorträge und kommen an einen weiteren Kreis heran. Die Besprechungen über SemantikB1932@ 4. und 6. Juli 1932 sprach Carnap in Reichenbachs Kolloquium über „Die Semantik als Grundlage der wissenschaftlichen Philosophie“ und „Formale Fragen der Semantik“ in ReichenbachsPReichenbach, Hans, 1891–1953, dt.-am. Philosoph KolloquiumIReichenbachs Kolloquiums waren auch erfreulich, da ich lebhaftes Interesse und gutes Verständnis fand. HempelPHempel, Carl Gustav, 1905–1997, dt.-am. Philosoph, verh. mit Eva Hempel hatte schon durch 3 ReferateB vorbereitet (ich hatte ihm Teile des MSB geschickt). Jetzt ist fast das ganze MSB fertig; InaPCarnap, Ina (eig. Elisabeth Maria immacul[ata] Ignatia), 1904–1964, geb. Stöger, heiratete 1933 Rudolf Carnap hats inzwischen hier getippt. Es fehlt nur noch das letzte Kapitel über Semantik und Philosophie (sit venia verbo!1Sinngemäß für: „Man verzeihe dieses Wort“.) Im Sommer werdens BehmannPBehmann, Heinrich, 1891–1970, dt. Mathematiker, HempelPHempel, Carl Gustav, 1905–1997, dt.-am. Philosoph, verh. mit Eva Hempel und GödelPGödel, Kurt, 1906–1978, öst.-am. Mathematiker lesen. Später werde ich es dann nochmal durcharbeiten, unter Verwertung der kritischen Bemerkung der Freunde. Der Ehrgeiz, daß einem kein andrer dreinreden dürfe, wird ja hoffentlich immer mehr verschwinden.

Zu Deinem MSBNeurath, Otto!1932@„Protokollsätze“, Erkenntnis 3, 1932/33, 204-214 möchte ich auch gern Verschiedenes bemerken und noch mehr Fragen stellen, wie dies und jenes gemeint ist. Da wir uns zunächst nicht sehen, so hoffe ich, von FeiglPFeigl, Herbert, 1902–1988, öst.-am. Philosoph, seit 1931 verh. mit Maria Feigl, mit dem Du ja alles durchgesprochen hast, die nötigen Erläuterungen zu bekommen. Bei der „Unverständlichkeit“ denke ich in erster Linie an mich, in zweiter an die andern Leser. Viele Deiner typischen Ausdrücke verstehe ich nicht (z. B.: „…kann an Stelle von …gesetzt werden“, „ersetzen“, „variieren“, „nicht umformbar“, „kann übertragen werden“, u. dergleichen). In vielen Fällen liegt die Unklarheit an der Verwendung der inhaltlichen Redeweise (z. B. „Sätze über Erlebnisse sind sinnleer“, „Worte, in denen von einem lebenden Organismus die Rede ist“, „es kommt noch das Sprechdenken …hinzu, das als …Vorgang …formuliert werden mag“; u. dergleichen). Die inhaltliche Redeweise ist natürlich häufig bequem und zweckmäßig; aber an kritischen Stellen, wo es gerade darauf ankommt, daß man richtig verstanden wird, sollte man vorsichtigerweise die Übersetzung in die formale Redeweise nicht dem armen Leser überlassen, der dabei leicht danebengreifen wird, sondern selbst geben, und die inhaltliche Redeweise an diesen Stellen vermeiden. (In den ersten beiden der genannten Beispiele weiß ich nicht, wie ich übersetzen soll!).

Ich habe außer der Entgegnung von DunckerBDuncker, Karl!1932-1933@„Behaviorismus und Gestaltpsychologie, Kritische Bemerkungen zu Carnaps ‚Psychologie in physikalischer Sprache‘ “, Erkenntnis 3, 1932/33, 162–176PDuncker, Karl, 1903–1940, dt.-am. Psychologe noch ein MS von ZilselPZilsel, Edgar, 1891–1944, öst.-am. Philosoph und Soziologe zum PhysikalismusBZilsel, Edgar!„Bemerkungen zur Wissenschaftslogik“ bekommen. Das erstere enthält hauptsächlich Mißverständnisse, sogar inbezug auf die Hauptthese des Physikalismus, und meist unklare Darlegungen, hauptsächlich infolge Verwendung der inhaltlichen Redeweise. ZilselPZilsel, Edgar, 1891–1944, öst.-am. Philosoph und SoziologeBZilsel, Edgar!„Bemerkungen zur Wissenschaftslogik“ ist im ganzen verständlich, bringt nur am Schluß eine arge Scheinthese, die meiner Meinung nach dadurch nicht besser wird, daß er selbst sagt, diese seine These sei natürlich eigentlich unsagbar, aber trotzdem für die Wissenschaft unentbehrlich. Immerhin 🕮{}sind seine Darlegungen, im Unterschied zu denen von DunckerPDuncker, Karl, 1903–1940, dt.-am. PsychologeBDuncker, Karl!1932-1933@„Behaviorismus und Gestaltpsychologie, Kritische Bemerkungen zu Carnaps ‚Psychologie in physikalischer Sprache‘ “, Erkenntnis 3, 1932/33, 162–176, so, daß man zu ihnen deutlich Stellung nehmen kann. Es ist doch nun im Interesse der Sache sicherlich dringend zu wünschen, daß Deine Darlegungen, als eines Mitglieds unseres KreisesISchlick-Zirkel, Wiener Kreis, in solcher Form veröffentlicht werden, daß sie mindestens auf gleicher Linie mit ZilselPZilsel, Edgar, 1891–1944, öst.-am. Philosoph und Soziologe stehen (ich meine hier nicht inbezug auf Richtigkeit der Thesen, sondern inbezug auf den Grad der Klarheit und damit die Diskutabilität). Augenblicklich bin ich bei den meisten Deiner Sätze nicht imstande, anzugeben, ob ich ihnen zustimme oder nicht. Durch FeiglsPFeigl, Herbert, 1902–1988, öst.-am. Philosoph, seit 1931 verh. mit Maria Feigl Erläuterungen werde ich alles ja wohl besser verstehen. Aber die andern Leser haben diese Erläuterungen nicht.

Ich glaube aber, abgesehen von den Einzelheiten, doch die Hauptgedanken ungefähr richtig verstanden zu haben. Stimmt es, daß folgendes die beiden Hauptthesen sind?: 1) Wir wollen nicht 2 Sprachformen (Protokollsprache und Systemsprache) machen, sondern nur eine; die Protokollsätze sind zwar von den andern Sätzen verschieden (?), gehören aber doch derselben Sprachform an wie die übrigen. 2) Ein Protokollsatz kann ebenso durch andere Protokollsätze bestätigt oder widerlegt werden, wie irgend ein andrer Satz; d. h. wir können, von einer bestimmten Menge von Protokollsätzen ausgehend, unter Umständen schließlich zu einem Satz gelangen, der die Negation eines der Ausgangssätze ist. Die Ausgangssätze brauchen nicht Protokollsätze nur eines Subjekts zu sein (?). (Die „?“bedeuten nicht meinen Zweifel, sondern Unsicherheit, ob die Wiedergabe richtig ist). Stimmt dies? Sonst erläutere bitte brieflich (oder mündlich oder telephonisch an FeiglPFeigl, Herbert, 1902–1988, öst.-am. Philosoph, seit 1931 verh. mit Maria Feigl, der es mir übermitteln wird).

Also, ich werde nochmal mit FeiglPFeigl, Herbert, 1902–1988, öst.-am. Philosoph, seit 1931 verh. mit Maria Feigl alles besprechen, vielleicht Dein MSBNeurath, Otto!1932@„Protokollsätze“, Erkenntnis 3, 1932/33, 204-214 auch noch an FrankPFrank, Philipp, 1884–1966, öst.-am. Physiker und Philosoph, verh. mit Hania Frank, Bruder von Josef Frank schicken (hast Du noch ein Exemplar, das Du ihm direkt schicken könntest?). Am liebsten wärs mir ja, wir sprächen dann nochmal mündlich darüber. Wann kommst Du von Moskau zurück? Ende Aug. werde ich vermutlich wieder hier sein und die weiteren Ferien hier bleiben (Tagung Wiesbaden ist aufgegeben; ReichenbachPReichenbach, Hans, 1891–1953, dt.-am. Philosoph sagt, daß er keine geeigneten Biologen gefunden hat.)2Über diese wohl von Reichenbach geplante Tagung ist nichts Näheres bekannt.

Nimm bitte meine scharfe Kritik so freundschaftlich auf, wie sie gemeint ist. Wenn wir unter uns sprechen, ist ja Schärfe am besten, weil am deutlichsten. In einer öffentlichen Entgegnung auf Deine Darlegungen würde ich natürlich die Gemeinsamkeit unsrer Grundauffassungen hervorheben, was hier in der privaten Diskussion überflüssig ist.

SchlickPSchlick, Moritz, 1882–1936, dt.-öst. Philosoph, verh. mit Blanche Guy Schlick hat mir geschrieben, da ich (in „Physikalische Sprache“B1931@„Die physikalische Sprache als Universalsprache der Wissenschaft“, Erkenntnis 2, 1931, 423–465) auf Dich so nachdrücklich hingewiesen hätte, hätte ich es nicht unterlassen dürfen, noch mehr auf WittgensteinPWittgenstein, Ludwig, 1889–1951, öst.-brit. Philosoph hinzuweisen!3Schlick an Carnap, 10. Juli 1932, (RC 029-29-10).

Könntest Du vielleicht, da die Korrespondenz mit Dir jetzt zeitraubend sein wird, FeiglPFeigl, Herbert, 1902–1988, öst.-am. Philosoph, seit 1931 verh. mit Maria FeiglaFeigeln ermächtigen, in Verbindung mit mir Umformulierungen vorzunehmen? Die geänderte Fassung würde ich dann entweder später mit Dir durchsprechen oder, wenn das zu spät wird, Dir zur Durchsicht schicken.

Schreib Deine Adresse! Wird Dir von Wien (Wohnung oder MuseumIGesellschafts- und Wirtschaftsmuseum Wien, zuerst Museum für Siedlungs- und Städtebau?) nachgeschickt?

Dir und OlgaPNeurath, Olga, 1882–1937, geb. Hahn, auch Neuräthin und Peterl, öst. Philosophin und Mathematikerin, verh. mit Otto Neurath, Schwester von Hans Hahn und Louise Fraenkel-Hahn herzliche Grüße, auch von InaPCarnap, Ina (eig. Elisabeth Maria immacul[ata] Ignatia), 1904–1964, geb. Stöger, heiratete 1933 Rudolf Carnap

Dein
Carnap

Brief, msl., 2 Seiten, ON 219 (Dsl. RC 029-12-39); Briefkopf: gestempelt Prof. Dr. Rudolf Carnap / Prag XVII.\,/\,N. Motol, Pod Homolkou, msl. den 18. Juli 1932.


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